»Every Day is Romaday – Rückschau und Ausblick. Fünf Jahre Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas«

Vortrag von Jana Mechelhoff-Herezi, Stiftung Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Juden Europas

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Dialogteilnehmer, guten Tag, auch ich heiße Sie herzlich willkommen.

Es ist schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind und ich schließe mich dem Dank meiner Vorredner an die Förderer der Konferenz an.

Herleitung des Bezugs der Konferenz zum Denkmal

Mit Blick auf das Programm mag es … erstaunen, dass der Anlass der heutigen Konferenz, des heutigen Dialogs, das fünfjährige Bestehens des Denkmals ist, fünf Jahre Bestehen eines Denkmals, dass an ungeheure Verbrechen erinnert: Europaweit ließen bis zu 500.000 Kinder, Frauen und Männer ihr Leben, allein weil sie Sinti oder Roma waren. Sie wurden in den Gasanlagen der Vernichtungslager erstickt, in Massenerschießungen hingerichtet, oder starben an den Folgen von Gewalt, Hunger, Kälte, Krankheit oder Erschöpfung in Ghettos und Zwangsarbeitslagern. Viele Tausend wurden Opfer von Medizinversuchen oder zwangsweise durchgeführten Sterilisationen.

Eine offizielle Anerkennung der Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord erfolgte erstmals 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Bis dahin hatte die Verfolgung und Ermordung von Menschen aus dieser – Europas größter – Minderheit weder im Gedenken noch in der historischen Forschung einen nennenswerten Stellenwert. Überlebenden Sinti und Roma wurde jahrzehntelang eine Entschädigung verweigert. Bei dem ihnen zugefügten Unrecht habe es sich nicht um eine Verfolgung aus rassistischen Gründen gehandelt, so die Begründung.

Das Denkmal ist ein Zeichen für die – späte – Übernahme von Verantwortung seitens der Bundesrepublik Deutschland für diese Verbrechen.
Gegenstand meines Vortrags sollen vor allem das Denkmal selbst, die Erfahren aus fünf Jahre seines Bestehens sowie die Erwartungen sein, an das Denkmal geknüpft sind, sein und schließlich die Frage, inwieweit sich diese Erwartungen sich in den vergangen Jahren erfüllt haben.

Teil 1 Historisch – Genese des Denkmals – Ausgestaltung der Arbeit der Stiftung Denkmal am und mit dem Denkmal – Resümee fünf Jahre Denkmal

Beginnen möchte ich allerdings mit Überblick über die Genese des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Juden Europas. Die Entstehungsgeschichte dieses Denkmals hängt eng mit der Entscheidung für die Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas zusammen. Der Bau des Holocaustdenkmals geht auf eine Initiative aus der Mitte der Gesellschaft, vornehmlich nichtjüdischer Deutscher, zurück. Die Bürgerinitiative konstituierte sich bereits vor der Wiedervereinigung und rasch gelang es ihr ihr, die Bundesregierung unter Helmut Kohl für das Vorhaben zu gewinnen. Im Sommer 1999 entschied der Deutsche Bundestag dann unter einer rot-grünen Regierung den Bau des Holocaustdenkmals. In der vorangegangen, rund zehn Jahre währenden Diskussion um dessen Errichtung gab es Stimmen, die sich ein gemeinsames Denkmal für alle Opfergruppen wünschten; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma forderte dies in einem ersten öffentlichen Aufruf bereits am 5. April 1989.
Am Ende entschied man jedoch, dass das Holocaustdenkmal ausschließlich den jüdischen Opfern gewidmet sein soll. Es setzen sich die Verfechter einer Argumentation durch, nach der die Ermordung der europäischen Juden einzigartig und mit anderen Verbrechen nicht vergleichbar sei. Die  Kompromisslösung bestand darin, dass sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtete, in der Nähe des Denkmals für die ermordeten Juden weitere Denkmäler für andere Opfergruppen zu errichten.

Dass wir seit nunmehr fünf Jahren auch ein nationales Denkmal zur Würdigung der ermordeten Sinti und Roma haben, ist vor allem dem Engagement von Angehörigen der Minderheit selbst – insbesondere ihres Zentralrats – zu verdanken.

Lange Zeit hatten sie wenig Unterstützer. Sinti und Roma mussten sich selbst für ihre Belange stark machen. 1992 äußerte die Bundesregierung erstmals die konkrete Absicht, ein Denkmal für die ermordeten Menschen der Roma und Sinti zu schaffen. Der Berliner Senat schlug 1994 für das den ermordeten Sinti und Roma gewidmete Denkmal den Standort am Rande des Tiergartens neben dem Reichstag vor. Im gleichen Jahr fand ein erstes Treffen des Zentralratsvorsitzenden Romani Rose mit dem israelischen Künstler Dani Karavan statt, der sich bereit erklärte, einen künstlerischen Entwurf zu erarbeiten. Im 22. Mai 2001 übergab der Zentralrat die Unterschriften von 1.630 Überlebenden des Völkermords an den Sinti und Roma an die Bundesregierung. Das war also notwendig: die überlebenden mussten um ihr Denkmal bitten! Sie sprachen sich in einem gemeinsamen Appell für eine rasche Umsetzung des Karavan-Entwurfs aus.

Wie auch beim Holocaustdenkmal folgte eine lange Phase der politischen Auseinandersetzung. Während jedoch die zahlreichen teils scharf geführten Kontroversen beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas als Teil der Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Geschichte und historischen Verantwortung und der Streit sogar als Teil des Denkmals selbst empfunden wurde, deutete man die Auseinandersetzungen um das Sinti- und Roma-Denkmal, die – ganz anders als beim Holocaustdenkmal – ohnehin öffentlich kaum als relevant wahrgenommen wurden, vor allem als interne Verständigungsproblematik der Minderheit.

Schließlich konnte man sich auf den Titel ohne Verwendung des Begriffes „Zigeuner“ und darauf verständigen, dass das Denkmal durch eine Chronologie des Völkermords an den Sinti und Roma ergänzt werde. 2008 wurde mit dem Bau begonnen.

Eröffnet wurde das Denkmal 2012 – 30 Jahre nach der ersten offiziellen Anerkennung des Völkermords an den Sinti und Roma und über 20 Jahre nach der ersten Initiative für dieses Denkmal und des Drängens aus der Minderheit. Diese späte Umsetzung war nicht zuletzt deswegen schmerzlich, weil die überwiegende Zahl der Überlebenden, die sich auch persönlich für seine Errichtung eingesetzt hatten, zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben waren.
Wenn man sich diese Entstehungsgeschichte so vor Augen führt, stellt sich die Frage „Für wen ist das Denkmal?“ und „Für was steht es?“ Den Auftakt der Ausstellung unter dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas bildet ein Satz von Primo Levi „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“. Damit weist das Denkmal über sich, über die bloße Erinnerung und die Würdigung der Ermordeten und über die Information über die Verbrechen des Holocaust hinaus. Es ist eine Mahnung für die Zukunft mit globalem Anspruch. Ein solche programmatische Öffnung findet sich am Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma nicht.

Fünf Jahre Denkmal – wie wird das Denkmal von wem angenommen, wie „funktioniert“ es?

Was den Besucherzustrom und die Rückmeldungen und Reaktionen der Besucher vor Ort auf das Kunstwerk Dani Karavans betrifft, lassen sich diese fünf Jahre ohne weiteres als Erfolgsgeschichte erzählen.

Viele Besucher sind Zufallsbesucher, Menschen, darunter viele internationale Berlintouristen, auf dem Weg vom Brandenburger Tor zum Reichstagsgebäude oder durch den Tiergarten. Der Besuch bedeutet für viele die Erstinformation über den Völkermord an den Sinti und Roma Europas und hierin liegt eine riesige Chance, die es vielleicht noch besser als bisher dort möglich, zu nutzen gilt.

Daneben aber entfaltet das Denkmal, mit seinen verschiedenen künstlerischen und Informationselementen, eine beeindruckende Wirkung, die über die Ebene des kognitiv-informierenden weit hinausgeht.

Gesamtwahrnehmung

In seiner Ganzheit beeindruckt das Denkmal viele Besucher – Menschen mit oder ohne Romno-Hintergrund, einzeln oder in Gruppen, deutsche oder internationale, Touristen oder Schüler, Überlebende Sinti oder jüdische Zeitzeugen – zutiefst, auch jene, die die historischen Informationen vielleicht nur am Rande wahrnehmen, begreifen schnell, es geht hier um etwas sehr schlimmes, hier wird von Verlusten oder Zerstörung erzählt. Zugleich empfinden viele Menschen das Denkmal als Ort des Innehaltens und der Ruhe.

Arbeit der Stiftung

Die Arbeit unserer Stiftung zum Denkmal beinhaltete von Anfang an weit mehr als seinen bloßen Betrieb. Die Stiftung hat ein mittlerweile recht vielfältiges Veranstaltungsprofil entwickelt, zu dem Zeitzeugengespräche, Buchvorstellungen, Podiumsdiskussionen etwa zum Gedenken an authentischen Orten des Völkermords an den Sinti und Roma gehören. Die Gedenkveranstaltungen am 27. Januar und vor allem am 2. August sind mittlerweile fest verankert im der Berliner Gendenkkultur.

Besonders freuen wir uns darüber, dass wir mit unseren Veranstaltungen in diesem Bereich einen festen Teilnehmerstamm binden konnten, zu dem mit den Jahren langsam, langsam, aber immer mehr auch Sinti und Roma selbst zählen.

In der Publikationsreihe Zeitzeugenerinnerungen konnte bisher eine Biografie eines überlebenden Sinto, die von Reinhard Florian aus Ostpreußen, veröffentlicht werden. Weitere Publikationen sind in Planung.

Außerdem wird derzeit an einer Freiluftausstellung zur Ergänzung der Chronologie am Denkmal gearbeitet – Romani Rose erwähnte es eben – die gute Aussichten hat, mittelfristig neben dem Denkmal am Simsonweg errichtet zu werden.

Durch Biografien – Namen, Gesichter und Stimmen – soll das Geschehen auf eine individuelle, personalisierte Ebene heruntergebrochen werden und die Verluste nachvollziehbarer werden. Die Geschichten werden auch die europäische Dimension abbilden. Verfolgungsstrategien der Nationalsozialisten, Ausmaß der Vernichtung, Spielräume der Betroffenen gestalteten sich in den verschiedenen Ländern und Regionen sehr unterschiedlich. Auch das Thema Selbstbehauptung/Widerstand wird eine Rolle spielen. Wir haben bei unseren Recherchen zahlreiche Hinweise darauf gefunden, dass solche Akte des Widerstands und der Selbstbehauptung unter Sinti und Roma stark verbreitet waren.

Probleme/Defizite

Soweit die Positivbilanz aus fünf Jahren Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma. Ich will aber an dieser Stelle auch die Schwierigkeiten nicht unerwähnt lassen. Wir mussten feststellen, dass das Wissen über den Völkermord und auch über die Sinti und Roma im Allgemeinen erschreckend gering ist. Und auch das Interesse, der Wille, hier mehr zu erfahren ist nicht groß. Wir bieten in den Räumlichkeiten am Holocaustdenkmal einen eigenen biographienbasierten Workshop für Schulklassen an, doch wird er kaum nachgefragt.
Zudem weist die historische Forschung über die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma Europas weiterhin tiefe Lücken auf. Das hat zahlreiche Ursachen. Wie eingangs erwähnt, dauerte es sehr lange, bis überhaupt eine offizielle Anerkennung als Völkermord erreicht war. Der Durchbruch erfolgte 1982, als der damalige Bundeskanzler Schmidt eine Delegation des Zentralrats empfing und in völkerrechtlich bedeutsamer Weise die nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus Gründen der sogenannten »Rasse« anerkannte. Historiker begannen erst spät, sich dieser Geschichte zuzuwenden. Schließlich entstanden zwar zahlreiche wegweisende Regionalstudien und auch einzelne Länderstudien, doch diese sind bisher nicht hinreichend verknüpft. Eine Gesamterzählung entsprechend dem aktuellen Forschungsstand, die Mikro- und Makrogeschichte, die Opfererfahrung, Selbstbehauptung, Tätergeschichte und die Verfolgungs- und Mordstrategien und Techniken verbindet steht noch aus.

Eine Schwierigkeit stellt dabei auch die Repräsentation der Zeitzeugenperspektive dar: zu lange wurden die Überlebenden nicht gefragt. Und als man begann, sich für sie zu interessieren, hatten sie oft nicht mehr den Mut oder die Kraft, Auskunft zu geben. Die Kontinuitäten der Ausgrenzung und Benachteiligung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten, nicht zuletzt auch hinsichtlich der Anerkennung ihres Leids durch angemessene Entschädigung oder Wiedergutmachung, haben Misstrauen und Ängste, sich zu öffnen erzeugt. Ich habe diese Erfahrung ganz persönlich gemacht, als ich 2011 und 2012 mit Reinhard Florian an dessen Biografie arbeitete. Er hatte jahrzehntelang nicht einmal mit seiner Familie darüber gesprochen, was ihm widerfahren war. Außer einem Bruder und dem Vater war er der einzige Überlebende. Mutter, Stiefmutter und dreizehn Geschwister und Halbgeschwister hatten die Nationalsozialisten ermordet. Jahrzehntelang musste Reinhard Florian um die Wiedererlangung seiner deutschen Staatsangehörigkeit und um die Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen kämpfen, viele Jahre setzte er sich für die Verwirklichung des Sinti- und Romadenkmals ein. Und er hatte sein Lachen und den Glauben an das Gute im Menschen verloren, das sagte er immer wieder, weil es ihn so sehr schmerzte, dieses lachen verloren zu haben. Es war ein langer Prozess, bis er mir sein Vertrauen schenkte. Doch am Ende dieses Prozesses stand ein wertvolles Zeugnis, seine Biografie. Als Reinhard Florian vor fünf Jahren am Tag der Eröffnung des Denkmals an der Brunnenschale stand, sagte er leise „Endlich haben unsere Toten ein Zuhause“. Das, was Daniel Strauß in seiner Rede eben sagte, deckt sich hiermit.

Ich bilanziere: Das Denkmal ist ein wichtiges Zeichen dafür, dass sich die Bundesrepublik zur Verantwortung auch für diesen Völkermord bekennt und die Opfer endlich eine angemessene Würdigung erfahren.
Am ungebrochenen Bestehen von Vorurteilen und Hass gegen Sinti und Roma hat sich seit der Übergabe des Denkmals an die Öffentlichkeit jedoch nichts geändert. Aktuelle Studien belegen, dass Antiziganismus ein weit verbreitetes Problem ist, das keineswegs nur an den Stammtischen oder hinter vorgehaltener Hand einen Platz hat. Romafeindlichkeit ist gesellschaftsfähig. Medienberichte schreiben Vorurteile gegen Sinti und Roma häufig scheinbar unreflektiert fort. Seit einiger Zeit bedienen sich einzelne Politiker – und zwar nicht nur solche des ganz rechten Spektrums – gezielt romafeindlicher Aussagen, weil sie davon ausgehen können, damit Wähler zu erreichen und politische Erfolge zu erzielen.

Teil 2 – Aktuell – Erwartungen

Die Erwartungen waren andere. Wenn ich nun über die mit der Errichtung des Denkmals geweckten Erwartungen spreche, möchte ich zunächst nochmals folgenden bedeutenden Satz aus der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus ihrer Ansprache zur der Einweihung des Denkmals in Erinnerung rufen. Der lautete:

„Sinti und Roma müssen auch heute um ihre Rechte kämpfen. Deshalb ist es eine deutsche und eine europäische Aufgabe, sie dabei zu unterstützen, wo auch immer und innerhalb welcher Staatsgrenzen auch immer sie leben.“

Dieser Satz der Bundeskanzlerin hat Erwartungen erzeugt, bestätigt und legitimiert. Die Erwartung, dass ein solches Denkmal über sich hinausweise, die Erwartung, dass es die Sensibilität für die Einhaltung der Rechte von Roma und Sinti in Deutschland und die für die Gewährung von Gleichbehandlung schärfe, die Erwartung, allein das Bekenntnis zur Verantwortung könne doch nicht alles sein.

Ein solches Bekenntnis fordert Konsequenzen: die Übernahme von Verantwortung auch im Jetzt. Es gab also die Erwartung und die Hoffnung, dass sich an der konkreten Benachteiligung von Angehörigen der Minderheiten der Roma und Sinti, so vielfältig sie sich auch darstellen, etwas ändern würde. Wer hat sich dieser Aufgabe angenommen? Wie sieht der Alltag der Betroffenen heute, fünf Jahre später aus?

Auf die Arbeit der Stiftung Denkmal am und mit dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma wirken sich die mit der Errichtung des Denkmals geweckten Hoffnungen und Erwartungen manchmal direkt aus. Auf unterschiedliche Weise werden sie ganz konkret an uns herangetragen.

Es ist wohl kein Zufall, dass die bereits erwähnten Gedenkstunden am 2. August zur Erinnerung an die Ermordung an die letzten rund 3.000 Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenaus von Beginn an immer auch zu politischen Appellen zur aktuellen Situation wahrgenommen wurden.

Nahezu alle Redner – Politiker, Überlebende Sinti und Roma, deren Nachkommen, jüdische Augenzeugen jener Mordnacht in Birkenau, der Architekt des Denkmals, Dani Karavan, Jugendliche, die die Abende mitgestalteten, sie alle haben in ihren Beiträgen die Brücke zur gegenwärtigen Menschenrechtssituation von Sinti und Roma geschlagen, Chancengleichheit und das Ende der vielfältigen Benachteiligungen gefordert.

Immer wieder ist es passiert, dass sich Einzelpersonen mit konkreten Bitten um Hilfe an uns wandten. Menschen, die wir aus vorheriger Zusammenarbeit bereits kannten, aber auch solche, die auf andere Weise zu uns gefunden hatten. Da waren Roma, die uns um Interventions- oder Unterstützungsschreiben bei Ausländerbehörden oder Härtefallkommissionen baten, weil sie oder Familienangehörige von Abschiebung bedroht waren. Zu denen, die sich in dieser Weise an uns wandten gehören auch die Brüder Kefaet, Selami und Hikmet Prizreni, die am ROMADAY 2016 im Beisein des Bundespräsidenten Gauck über ihre Erfahrungen als Roma rappten. Sie kamen als Kleinkinder nach Deutschland der jüngste wurde in Essen geboren, wo sie leben und das hört man auch. Sie reden, wie Jungs aus Essen eben reden. Kefaet Prizreni ist auch heute hier, Selami befindet sich seit acht Monaten gegen seinen Willen in Serbien. Er wurde abgeschoben. Hikmet ist in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen inhaftiert, der Grund seiner Verhaftung ist, dass er sich seiner Abschiebung entzogen hat. Diese drei standen am 8. April mit den anderen auf der ROMADAY-Bühne am Denkmal, Arm in Arm mit dem Bundespräsidenten. Ihr Beispiel führt uns sehr deutlich vor Augen, wie wenig wir zu bewegen vermochten.

Doch da waren Roma, die mit Abschiebung konfrontiert waren, da waren auch Sinti, die uns von Verweisen von Campingplätzen, wo sie als Urlauber einen Stellplatz mieten wollten, oder aus Restaurants, wo sie eine Familienfeier begehen wollten, berichteten, ihre Fassungslosigkeit teilen und Rat einholen wollten, wie man gegen derartiges vorgehen könne. Da waren etliche andere Geschichten, nicht häufig, aber immer wieder. Wo wir konnten, sind wir diesen Bitten nachgekommen, jedoch selten mit Erfolg, im Einzelfall vermochten wir kaum etwas zu bewegen. So schwer ist das moralische Gewicht dieser Stiftung, die die Denkmäler für die verschiedenen im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Gruppen betreut, dann doch nicht.

Am vehementesten wurden die Erwartungen oder je nach Perspektive auch die Enttäuschung oder gar Verzweiflung über das Ausbleiben einer Verbesserung der Lage im Mai 2016 an die Stiftung Denkmal herangetragen, als eine Gruppe von etwa fünfzig Roma und eine Anzahl von Unterstützern ohne Romno-Hintergrund das Denkmal besetzten, in der Hoffnung damit drohende Abschiebungen abwenden zu können.

Das war eine Nacht hochemotionaler Verhandlungen, bei denen die Besetzer auf die vielfältigen Einwände, das Denkmal sei ein Ort des Totengedenkens, an dem politische Aktionen nicht gebilligt werden könnten, immer wieder fragten „Wo sollten wir das machen, wenn nicht hier?“ Es wurden ihnen andere Orte, etwa der Pariser Platz angeboten, doch das für die keine Alternative.

Die Besetzung wurde nach dem Scheitern der Verhandlungen, nach Beratung mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und mit dem damaligen Bundestagspräsidenten schließlich beendet. Sie war für alle Beteiligten eine schmerzliche Erfahrung und sie hat in aller Schärfe zum Ausdruck gebracht, wie ernst es den Menschen, die in jener Nacht zur Durchsetzung ihrer Bleiberechtsforderung und mit der Erwartung einer Verbesserung ihrer Lage als Roma in Deutschland war, im Zusammenhang mit dem Denkmal.

Jenseits der unerfüllbaren Forderung „Alle bleiben“ ging es bei der Besetzung wieder auch um die Frage, für wen und für das Denkmal stehe. Ist es überhaupt nötig, dass es über sich hinausweist? Ich denke, nach allem bisher gesagten müssen wir diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten. Ich sagte es schon: Antiziganistische Vorurteile sind in der deutschen Gesellschaft, in Behörden, bei Medienmachern, in Bildungsinstitutionen nach wie vor tief verankert. Das Wissen um Völkermord weiterhin gering, die Ableitung einer besonderen Verantwortung für die Minderheit aus diesen Verbrechen ist noch lange nicht gesellschaftlicher Konsens. Die Ächtung des Antiziganismus oder Antiromaismus als Selbstverständlichkeit wie etwa beim Antiziganismus, ist nicht angekommen. Im Gegenteil: Mit Antiziganismus kann man unter den entsprechenden Rahmenbedingungen sogar Politik machen. Ich erinnere an markige Sprüche wie „Wer betrügt, der fliegt“ und die gute Flüchtlinge – schlechte Flüchtlinge-Debatte angesichts der sprunghaft angestiegenen fluchtbedingten Zuwanderung nach Deutschland im Spätsommer 2015, die unmissverständlich gegen und auf Kosten von Roma-Flüchtlingen vom Balkan geführt wurde.

Wer kann es leisten, den Erwartungen, es möge sich spürbar etwas zum Guten verändern, in angemessener Weise zu begegnen? Die Stiftung Denkmal? In praktischer Hinsicht sicher nicht, aber sie kann – und das tut sie auch wie etwa mit dieser Konferenz immer wieder Anstoß zur Auseinandersetzung mit der bestehenden Situation geben und im Gespräch bleiben.

Teil 3 – Aktuell – Bündnis

Eine ganz direkt an die Stiftung Denkmal bzw. deren Direktor Uwe Neumärker herangetragene Erwartung war die, sich doch einmal sichtbar und ganz konkret in einer großen Veranstaltung mit den Sinti und Roma zu solidarisieren. Das war im Januar 2015, als der Vorsitzende des Berliner Vereins Romatrial, Hamze Bytyci, mit dem wir damals schon einige Zeit sehr fruchtbar zusammengearbeitet hatten, nach einer Gedenkrede auf ihn zukam und sinngemäß sagte „Schön geredet, schön, dass Du auch an die Roma und Sinti gedacht, auf ihre weiterhin schwierige Situation und auf den Mangel an Unterstützung hingewiesen hast, aber nun mach doch mal. Lass uns ein Solidaritätsbündnis ins Leben rufen.“ Die Antwort war ohne langes Zögern: „Ja, gut, machen wir.“ Diese Idee wurde dann zunächst im kleineren Kreis beraten und überlegt, wen wir als Partner dazu holen könnten. Ein knappes halbes Jahr später, vor den Sommerferien 2015 kamen die Gründungspartner zu einer ersten konstituierenden Sitzung zusammen. Bei diesem Treffen verständigten sie sich auf eine Kundgebung in der Nähe des Denkmals am Internationalen Tag der Roma am 8. April als Nahziel.

Beim zweiten Treffen im Herbst hatte sich die Ausgangssituation gravierend geändert: der Bürgerkrieg in Syrien und das Wüten des IS in weiteren arabischen Staaten hatte zu einer sprunghaft erhöhten Zuwanderung nach Deutschland geführt und neben Ängsten und Abwehr auch zu einer enormen Welle der Solidarität mit diesen Flüchtlingen geführt. Für die Roma und Sinti bedeute dies, dass ihre berechtigten Belange noch weiter an den Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit gerieten als sie es bereits zuvor schon waren. Die Arbeit des Bündnisses wurde dadurch noch wichtiger, ihre Forderungen noch drängender.
Dieses Drängen mündete schließlich in Verfassen eines gemeinsamen Aufrufs der fünf zentrale Punkte beinhaltet.

Die Bündnispartner haben vielfältige Erfahrungen gemacht. Positive und weniger positive.
Intern hat sich das Bündnis als großer Erfolg und als wertvolle Bereicherung für alle Beteiligten erwiesen. Die Partner haben untereinander enorme Fortschritte der Verständigung, des Vertrauensgewinns, der gemeinsamen Problembeschreibung und Zielsetzung gemacht. Auch wenn es ein anstrengender, zeitaufwendiger und kontroversenreicher Prozess war. In vielen Sitzungen wurde scharf gerungen, von der Gestaltung des gemeinsamen Logos, über die Prioritäten der Bündnisarbeit, die Formulierung des Aufrufs im Einzelnen, bis hin zu den Rednern und den Ort der Solidaritätskundgebung, aber am Ende kamen wir immer zu Lösungen, die alle Partner unterschreiben konnten.

Für die Zusammenarbeit und Atmosphäre bezeichnend war dabei, dass die Argumentationslinien fast niemals zwischen Roma und Nichtroma, sondern je nach Gegenstand stets unterschiedlich verliefen. Ich erinnere mich an einen schönen Satz von Romeo Franz, der auch Gründungspartner ist „Die Arbeit hier im Bündnis ist etwas ganz besonderes und kostbares für mich. Hier spielt es keine Rolle, ob einer Sinto, Roma, Jude, oder keiner Minderheit angehörig ist. Das ist neu für uns. Und das ist ein riesiger Schritt.“
Hinter uns liegen zweieinhalb Jahre intensiver Arbeit mit zwei großen und vielen kleinen Veranstaltungen, viel gegenseitiger Unterstützung und einem gemeinsamen langen Atem. Den organisatorisch-institutionellen Rahmen der Bündnisarbeit einschließlich der Ausrichtung des heutigen Tages hat bisher die Stiftung Denkmal gegeben, aber das muss und soll keineswegs immer so bleiben.

Auch unabhängig vom Bündnis hat sich einiges bewegt: Sinti und Roma haben sich sichtbarer gemacht, sind sichtbarer geworden in ihrer Vielseitigkeit, viele neue Interessenvertretungen der Minderheit ganz unterschiedlicher Ausrichtung sind entstanden. Einige haben sich erfolgreich und innovativ im Kulturbereich einen Platz erobert. So ist das Gorki Theater – auch ein Unterstützer des Bündnisses – zu einer Art Heimstatt der Repräsentation von Roma und Sinti geworden.

Einzelne Sinti und Roma engagieren sich in politischen Parteien und beteiligen sich auf diese Weise aktiv an den demokratischen Prozessen unseres – ihres – politischen Systems. Sie machen sozusagen ernst mit der Teilhabe.

Daneben haben die Bündnispartner aber auch bittere Erfahrungen gemacht oder man könnte auch sagen, sie sind auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Ich beschrieb vorhin, dass sich das Denkmal während der fünf Jahre seines Bestehens zu einem Publikumsmagneten entwickelt hat. Die Solidarität mit Sinti und Roma ist kein Publikumsmagnet. So haben wir bei unseren Anfragen nach Rednern für die erste ROMADAY-Kundgebung 2016, die im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Gauck stattfand, unzählige Prominente angefragt, von denen wir wussten, dass sie ich bereits gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit engagieren. Die Anzahl der mehr oder weniger charmant formulierten Antwort „Nein, leider nicht, diese Gruppe hat für mich keine Priorität“ war erschreckend. Damit hatten wir nicht gerechnet. Solidarität mit Sinti und Roma ist offenbar nicht schick. Das Bewusstsein um den Bedarf an Verbesserungen für die Sinti und Roma und der Wille diese Verbesserungen auch praktisch herbeizuführen, beschränkt sich auf einen eher kleinen Kreis von Personen und Institutionen, die bisher wenig zu bewegen vermochten.

In Hintergrundgesprächen mit Politikern mussten wir oft feststellen, wie viel Aufklärungsbedarf und Verständigung noch erforderlich sind. Mit der tagesaktuellen politischen Situation und mit dem Einzug einer offen nationalistisch und fremdenfeindlich argumentierenden Partei in den Deutschen Bundestag hat sich die Situation noch weiter zugespitzt.

Ich denke, soviel wurde deutlich: wenn auch das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma Europas nicht direkt über sich hinauszuweisen vermag und dies vielleicht auch nicht muss, die Arbeit der Stiftung zum Denkmal hat sich in den vergangen fünf Jahren so entwickelt, dass sie über den historischen Tatbestand des Völkermords an den Roma und Sinti sehr wohl hinausweist.

Schluss

Eine große fühl- und messbare bare Verbesserung für Sinti und Roma in den unterschiedlichen Bereichen ist in den fünf Jahren des Bestehens des Denkmals nicht erfolgt. Wir als Stiftung Denkmal und wohl auch das Bündnis vermag eine solche Änderung zum Besseren praktisch nicht herbeizuführen, aber wir können und werden weiterhin auf einem Erstnehmen der Erwartungen, die sich an die Errichtung des Denkmals knüpften, bestehen.
Es ist noch viel zu tun und dazu sind sie alle heute hier. Das freut mich und dafür danke ich Ihnen. Ich wünsche der heutigen Konferenz gute Ergebnisse.